Indien: Jeremias Alltag in Bangalore

Bangalore, 21. Dezember 2015
 
Vier Monate Indien liegen jetzt schon hinter mir und die Zeit vergeht einfach viel zu schnell. Nachdem ich es aus Gründen der Zeit und der persönlichen Unlust immer vor mir her geschoben habe, schreibe ich Euch hier nun meinen ersten ausführlichen Bericht aus meiner neuen Wahlheimat Indien. Wenn Ihr mich fragen würdet, wie ich Indien in wenigen Sätzen oder gar Worten beschreiben würde, ich könnte es nicht und ich würde es auch nicht versuchen, weil ich weiß, dass es unmöglich ist. Vielleicht
könnte ich sagen, Indien ist unglaublich und tatsächlich ist "Incredible India" auch einer der Wahlsprüche, um zumindest ansatzweise die kulturelle Vielfalt dieses Subkontinents greifbarer zu machen, aber es trifft es dennoch nicht ganz. Gerade
für mich als Europäer bedeutet dies einen Dauerzustand des Erstaunens, den Ihr wahrscheinlich nicht ganz begreifen könnt, wenn Ihr es nicht selbst erlebt.
Als Missionar auf Zeit habe ich mich auf gemacht, um für ein Jahr in einer anderen Kultur zu leben, zu beten und zu arbeiten. Ich habe mich aufgemacht, um meinen eigenen Horizont zu erweitern, über meinen Tellerrand hinaus zu schauen und die Dinge aus einer anderen Sicht und mit einem anderen Blick zu betrachten. Ich habe mich aufgemacht, auch im Namen aller, die mich unterstützen, im Namen meiner Pfarrgemeinde Weltkirche zu leben, um mich zu öffnen, zu lernen und gemeinsam kultur- und grenzübergreifend an der Einen Welt zu arbeiten. Denn das ist Kirche doch eigentlich, eine solidarische, inkulturierte Idee, die direkt vor Ort Gemeinschaft bildet, ein Zuhause anbietet und dort anpackt, wo die Hilfe gerade benötigt wird. Leider habe ich erst viel zu spät festgestellt, dass Kirche ja eigentlich eine Lebensart und nicht nur eine Institution ist (hier noch kurz ein spezieller Dank an Christian Olding). Ob ich es nach vier Monaten schon geschafft habe, meine eigene Sicht zu erweitern, kann ich nicht sagen. Im Sinne das Habens habe ich schon einen anderen Blick auf die Dinge erleben können, aber ob ich eine andere Perspektive auch im Sinne des Seins erhalten habe, wohl eher noch nicht.
Wie dem auch sei, ich habe mich auf gemacht und lebe, bete und arbeite jetzt, getreu dem MaZ-Motto auf dem Snehadaan-
Campus in Bangalore, der viertgrößten Stadt des Landes und für indische Verhältnisse mit einem wirklich sehr angenehmen Klima gesegnet. Der Campus ist eine Einrichtung der Kamillianer, zu dem ein Krankenhaus, ein pastorales Zentrum und das
Kinderheim mit Schule gehören, in dem ich arbeite. Das Sneha Care Home und die dazu gehörige Shining Star School, bieten Platz für etwa 100 Kinder, die aus allen Teilen Karnatakas (so heißt der Bundesstaat, in dem Bangalore liegt) kommen, aus den unterschiedlichsten Familienverhältnissen stammen und die verschiedensten Sprachen sprechen, aber alle gemeinsam haben, dass sie HIV-Positiv sind.
Ich lebe hier wie die meisten des Personals auf dem Campus, nur die Lehrer wohnen außerhalb. So ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit fließend und für alle ist das hier ein 24-Stunden/ 7-Tage-Fulltime-Job, was aber im Grunde kein Problem darstellt, ist doch der ganze Campus eine Art überdimensionierte Familie und genau das soll es für die Kinder auch sein und das stellt auch am ehesten die indische Lebensweise dar. Während wir in Deutschland sehr individuell sind und Distanzwahrung höflich ist, sind es hier freundliche Offenheit und kollektive Unternehmungen, die wichtig sind. Im Grunde ist die ganze Art, hier die Dinge zu sehen und über sie zu denken, anders, ich würde sogar sagen, das gesamte Bewusstsein ist anders. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Und das umfasst alle Bereiche.
Egal was unsere Politiker in Deutschland immer behaupten, aber die Multikulturalität Europas ist nichts im Vergleich zu der Indiens. So kommt es auch, dass wir hier im Care Home Kinder mit muslimischem, christlichem und hinduistischem Hintergrund haben und wir entsprechend auch alle Feste feiern, was bedeutet, dass wir hier in jeder Woche einen Feiertag haben, der meist damit gefeiert wird, dass die Schule ausfällt und eine kleine Feier stattfindet.
An Onam, dem Blumenfest aus Kerala, werden über all Mandalas aus Blüten auf dem Boden ausgelegt. Am Feiertag des Hindugottes Ganesha haben die Kinder alle Statuen des Elefantenköpfigen Gottes aus Lehm modelliert. An Diwali, dem Lichterfest, wurde alles mit kleinen Öllampen geschmückt und ein Feuerwerk veranstaltet. Und an Weihnachten gibt es mit dem ganzen Campus eine Weihnachtsfeier. Zudem kommen noch die Nationalfeiertage, von denen Indien mehrere hat und
an denen man am besten einen für mich vollkommen neuen Aspekt eines Landes feststellen kann: Patriotismus. Für mich als Deutschen ist das Ganze sehr befremdlich, wenn alle beim Klang der Nationalhymne alles stehen und liegen lassen und still stehen. Und selbst wenn ich weiß, dass es in vielen Ländern üblich ist, in der Schule morgens die Hymne zu singen und zu bestimmten Anlässen vor der Flagge zu salutieren, ist dies dennoch der für mich befremdlichste Teil Indiens.
Im Herbst hatten die Kinder zwei Wochen Ferien, so dass auch meine Mitfreiwillige und ich Urlaub hatten. Wir sind dann für
einige Tage nach Chennai in Tamil Nadu gefahren, und auch wenn der indische Ozean und die Strände dort wirklich schön sind, war es eindeutig zu heiß. Zudem haben wir zwei weitere deutsche Freiwillige besucht, die ebenfalls hier in Bangalore tätig sind und die wir schon von der Vorbereitung in Deutschland her kannten. Die meisten Kinder sind in den Ferien zu ihren Familien gegangen, aber für ein paar war das leider nicht möglich, so dass wir die übrige Zeit hier verbracht haben und mit den Kindern für einige Tage ins Snehagram gefahren sind. Snehagram ist eine zweite Einrichtung der Kamillianer, die 60 Kilometer außerhalb von Bangalore auf dem Land liegt und die Fortsetzung für das Sneha Care Home bildet. Nach dem die Kinder vom 6. bis zum 13./14. Lebensjahr hier die Schule besucht haben, können sie dann vom 14. bis zum 18. Lebensjahr nach Snehagram gehen, wo sie dann auch auf das Berufsleben oder die Familienplanung vorbereitet werden, um ihnen trotz ihrer
Infizierung ein normales Leben zu ermöglichen.
Wie schon erwähnt, gehen Arbeit und Freizeit hier fließend in einander über. Die Kinder stehen morgens schon um 6.30 Uhr zum Yoga auf, ich erlaube mir aber bis 7.30 Uhr zu schlafen und erst zum Frühstück zu erscheinen. Um 9.00 Uhr beginnt
der Unterricht, während dem ich und meine Mitfreiwilligen Kindern, die spezielle Hilfe benötigen, quasi Einzelunterricht geben. Ich arbeite mit einem Mädchen die etwa zeitgleich mit meiner Ankunft in Indien hier ins Care Home kam, und die für ihr Alter erstaunlich weit zurück ist. Sie ist acht Jahre alt und spricht kaum Englisch, dennoch macht sie sehr gute Fortschritte was die Zahlen und das Alphabet angehen, die ich ihr beibringen soll. Nachmittags trainiere ich das Fußballteam, was vor allem im letzten Monat viel Zeit in Anspruch genommen hat, da „Champion in Me“ vor der Tür stand.
„Champion in Me“ ist ein jährlicher Wettbewerb zwischen einer ganzen Reihe von Projekten für HIV-Infizierte Kinder. An zwei Tagen treten knapp 500 Kinder in künstlerischen und sportlichen Wettkämpfen gegeneinander an. Tanzen, Malen, Singen, Theater und einiges mehr waren am ersten Tag dran und wir haben beim Tanzen gleich dreimal den Ersten Platz geholt. Am zweiten Tag stand dann Sport auf dem Plan und das intensive Training hat sich ausgezahlt. Zweiter Platz beim Fußball!
Jetzt geht es auf Weihnachten zu, auch wenn ich sagen muss, dass für uns Freiwillige noch keine wirkliche Weihnachtsstimmung aufgekommen ist, was aber am Wetter liegt. Weihnachten bei 30 Grad ist für uns ziemlich ungewöhnlich. Auch jetzt stehen wieder Ferien an. Weihnachten selbst wollen wir zwar hier im Care Home mit den Kindern feiern, aber danach wollen wir noch ein wenig reisen. Vielleicht Myrore besuchen und uns mit anderen Freiwilligen aus aller Welt
treffen.
 
In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Jahreswechsel.
Ihr werdet im nächsten Jahr wieder von mir hören.
Jeremias

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