Indien: Jeremias Bericht einer Rundreise

Bangalore, im Juni 2016
 
Die „Reisegesellschaft“ mit der ich den Norden von Indien durchreisen durfte, bestand aus vier Personen. Außer mir
noch drei weitere deutsche Freiwillige, die alle in Bangalore arbeiten. Ronja ist mit mir zusammen im selben Projekt
tätig, während Mona und Malte in Südwesten Bangalores, also auf der anderen Seite der Stadt, tätig sind.
Die erste Station auf unserer Reise:
 
Kolkatta
 
Hier treffen wir Alex, ebenfalls ein Freiwilliger, den wir auf dem Zwischenseminar in Mumbai im Februar kennen gelernt haben. Später stößt auch Franziska (auch eine Freiwillige) zu uns, wodurch wir im Anfang zu sechst unterwegs sind. Das erste was mir an Kolkatta im Vergleich zu Bangalore aufgefallen ist, ist die Grüne der Stadt. Obwohl Bangalore eigentlich als die „Park-Stadt“ bekannt ist, ist Kolkatta sehr vielmehr von grünen Feldern umgeben und von grünen Parks und Bepflanzungen durchzogen. Das zweite was auffällt: Die Stadt ist Blau-Weiß. Zäune, Fassaden, Bushaltestellen, Mauern alles ist in den Farben von Mutter Theresa. Alex arbeitet in einem, etwas außerhalb gelegenen, Schulprojekt der Jesuiten, welches erst seit wenigen Jahren besteht. Er ist ebenso lange in Indien wie wir, so dass er uns die Stadt zeigen kann, auch abseits der Touristenplätze. Dabei wird klar wie teuer Bangalore im Vergleich zum Rest Indiens, besonders dem Norden, ist. Teilweise sind die Preise in Bangalore zehnmal so hoch, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass die Stadt sehr westlich ist. Als IT-Zentrum Indiens beherbergt sie viele internationale Firmen und Konzerne aus Europa und Amerika. Kolkatta hingegen entspricht eher dem Bild, was der durchschnittliche Europäer bei Indien vor Augen hat. Dennoch ist Kolkatta wesentlich sauberer als Bangalore und die Straßen sind in einem wesentlich besseren Zustand. Direkt an unserem ersten Tag unseres Aufenthalts konnten wir eine kurze Schifffahrt über den durch Kolkatta fließenden Nebenarm des Ganges machen. Dazu sind wir einfach mit der dauerhaft pendelnd en Fährverbindung hin und wieder zurück gefahren. Dabei bot sich uns eine einmalige Kulisse aus
Tempeln, kleinen Häusern und Industrie-Ruinen, die das Ufer säumen und von der untergehenden Sonne in warmes Licht getaucht wurden. Aber nicht nur das Abendrot war warm, auch die Temperaturen. Schon bei der Ankunft schlugen uns 40 Grad entgegen, die während der Nächte grade mal auf 35 Grad abkühlten und an den Folgetagen noch auf 45 Grad anstiegen.
Doch Kolkatta ist an diese Hitze gewöhnt, überall sind Ventilatoren installiert und alles ist möglichst schattig gehalten. So konnten auch wir die Tage gut aushalten. Zum Beispiel im schattigen Park des Victoria-Memorials oder in den überdachten Märkten. Beeindruckend waren auch die Besuche in den Häusern der Mutter-Theresa-Schwestern. Wir konnten das erste von ihr gegründete Haus und das Mutterhaus des Ordens besuchen, in dem auch die Kammer und das Grab von Mutter Theresa zu finden sind. Eine weitere bekannte Sehenswürdigkeit von Kolkatta, die einem auch schon direkt am ersten Tag ins Auge fällt, ist die Große Brücke. Eine beachtliche Stahlkonstruktion über den Fluss, von den Briten erbaut und zum Schutz vor
Terror mit einem Fotografieverbot belegt. Am letzten Tag in Kolkatta hatten wir dann die Möglichkeit die Zeit im Projekt
von Alex zu verbringen. Wir konnten einer Tanzstunde beiwohnen, haben spontan Englischunterricht übernommen und haben uns dann noch das Gelände und die nähere Umgebung anzuschauen. Dabei haben wir auch Josef kennen gelernt, den Mitfreiwilligen von Alex. Wir haben dann mit den dortigen Jesuiten-Patern gegessen und durften dann in einem Wassersammelbecken schwimmen, was eine merkliche Abkühlung war. Später haben wir dann auch noch in einem anderen Wasserbecken Fisch zum Abendessen fangen können.
 
Darjeeling
 
Am nächsten Tag ging es dann in Begleitung von Franziska, die inzwischen zu uns gestoßen war, Alex und Josef, die beide einige Tage Urlaub erhalten hatten, mit dem Zug nach Darjeeling. Da wie Fahrt recht lang war, fuhren wir über Nacht, so dass wir morgens ankamen. Doch Darjeeling selbst hat keinen großen Bahnhof, so dass wir noch einige Stunden mit dem Bus hoch in die Berge fahren mussten. Dort liegt Darjeeling nämlich, in den Ausläufern des Himalayas, in der, für indische Verhältnisse, Nähe zu Nepal. Das erste was einem hier auffällt: Es ist kalt. Nach Kolkatta waren 20 Grad beinahe ein Schock. Über Kontakte hatten wir die Möglichkeit im Bischofshaus von Darjeeling zu nächtigen und Pia, eine Jesuiten-Freiwillige in Darjeeling, zeigte uns die Stadt. Dort deckten wir uns erst mal mit Schals und warmer Kleidung ein. Auch stießen Fabian und Antonia, zwei weitere Freiwillige die wir in Mumbai kennen gelernt hatten, zu uns. Darjeeling ist schön ruhig, da es auf Grund der steilen und engen Straßen kaum Autos gibt. Allerdings standen Wahlen an, was zu einer erhöhten Präsenz von Polizei, Militär und anderen Sicherheitskräften geführt hatte. Die Stadt ist vergleichsweise klein, so dass man zu Fuß schnell alles erreichen kann.
Grob lässt sich Indien in drei „Hauptkulturen“ einteilen. Die dravidische im Süden, also auch in Bangalore, dann die indo-
arische im Norden, durch die wir die meiste Zeit reisten und die nepalesisch-tibetanische, die hier im Norden West-Bengalens und Sikkims vorherrscht. (Es gibt natürlich noch viel mehr Unterschiede, grade in den Sprachen und den lokalen Traditionen, aber grob kann man diese Einteilung so stehen lassen.) Dementsprechend sind die Unterschiede zum Rest des Landes auch in Darjeeling wieder gewaltig. Anstelle von Hindu-Schreinen und Tempeln findet man hier buddhistische Stupas und Gebetsfahnen. Die Küche hat einen deutlichen tibetanischen Einfluss, was wohl von den von Tibet Geflüchteten herrührt und viele sprechen Nepali. Was mir aber am besten von der Stadt in Erinnerung bleiben wird, ist die Aussicht, die man von jedem Dach aus hat. Da Darjeeling förmlich am Berghang klebt, kann man von überall ins vernebelte Tal schauen. Allerdings sind wir nur einen Tag in Darjeeling geblieben, denn am nächsten Tag ging es hoch in die Berge.
 
Wandern im Himalaya
 
Vier Tage lang mit einem Guide ins Himalaya und streckenweise sogar rüber nach Nepal. Doch zu erst mussten wir mit neun Personen plus Guide und Fahrer, noch einige Stunden mit dem Jeep die Bergstraßen hinauf fahren, denn der Wanderweg beginnt am Nationalpark und liegt außerhalb der Stadt. Der erste war ein angenehmer Wechsel aus einfachen Anstiegen und einigen wenigen seichten Abstiegen. Die allererste Etappe war allerdings doch etwas schwieriger, mussten wir uns doch einige Kilometer eine schier endlose Treppe am Berghang hinauf arbeiten. Was erstaunlich war, ist die Vegetation. Wir sind auf 2500
–3000 Metern gewandert, in den Alpen würde da auf jedem Berg Schnee liegen, aber hier im Himalaya, ist dort noch nicht mal die Baumgrenze erreicht. So bewegten wir uns von Kamm zu Kamm durch lichtes Nadelgehölz, welches von steppenartigen Hängen durchbrochen wird. Ab und zu sind wir an winzigen Dörfern vorbei gekommen, die kaum mehr als einige Häuser waren, in einigen haben wir auch Rast gemacht. Die Temperaturen waren recht angenehm und gerade durchs Laufen wurde einem warm. Dennoch waren wir froh, als wir unser Nachtlage erreichten, eine Herberge in einem Dorf. Die Zimmer waren super, große Betten, viele Decken und einen Kamin, denn nachts wurde es doch richtig kalt (um die 8 Grad vielleicht). Da man von einem Aussichtspunkt nahe unserer Unterkunft eine malerische Aussicht auf die hohen Berge des Himalayas haben sollte, wollte uns der Guide wecken, falls die Sicht gut wäre. Nun, der Guide kam nicht und in der Tat konnte man bis auf Wolken und Nebelbänken, zwischen denen die Sonne aufging, nichts sehen, dennoch sind Alex und ich in der Hoffnung aufgestanden, vielleicht doch einen Blick auf einen fernen, verschneiten Kamm erhaschen zu können. Fehlanzeige.
Nach dem Frühstück ging es weiter und dieses Mal wurde es heftig. Wie hatten einige gewaltige Anstiegsetappen vor uns und Franziska kam nur langsam mit, da sie ein Probleme mit Knie und Fuß bekommen hatte. Am nepalesischen Grenzposten beschlossen wir daher, dass sie mit einem Jeep bis zur Unterkunft für die Nacht vorfahren sollte, denn das Wetter drohte umzuschlagen und wir mussten uns beeilen. Und tatsächlich, als wir dachten, wir hätten jetzt die Baumgrenze erreicht, fanden wir uns plötzlich in moosigen Wäldern und totalem Nebel wieder, der mit zunehmender Höhe immer dichter wurde. Kurz
vor dem Gipfel konnte man vielleicht noch fünf oder zehn Meter weit sehen. Auf dem Gipfel, auf dem unsere Bleibe für die Nacht lag, brach dann auch ein Sturm herein, der bei Temperaturen von unter Null ein wenig Schnee und Eis mit sich brachte. Wir waren erleichtert, dass wir das Tagesziel noch vor dem Unwetter erreicht hatten. Auch hier hofften wir auf eine gute Aussicht, aber auch am nächsten Tag war es noch leicht diesig. Dennoch wollten wir die Hoffnung nicht aufgeben und machten uns auf, zu einem der Aussichtspunkte. Und da war er, ganz leicht, nur mit beschatteten Augen zu erkennen, der rosa, fast golden leuchtende, typische gezackte Umriss eines der Himalaya-Riesen. Der Kangchenzonga, der dritt höchste Berg der Welt. Und er war gewaltig. Obwohl wir rund 50 Kilometer von ihm entfernt waren und selber auf 3000 Metern standen, mussten wir noch leicht nach oben schauen, um zu sehen wie er über dem Dunst des Horizonts schwebte. Er war kaum zu erkennen und trotzdem war es einfach atemberaubend!
Der Abstieg am nächsten Tag war sehr angenehm, da nicht so lang. Zwar ging es eine kurz Etappe recht steil ins Tal hinab, aber schon kurz nach Mittag hatten wir unser Ziel erreicht. Da wir aber den restlichen Tag nicht einfach im Gasthaus verbringen wollten, machten sich einige von uns noch gemeinsam mit dem Guide auf, um ein nahes Flüsschen zu erkunden. Während unser Guide am Weg ein kleines Feuer entfachte, machten wir uns daran einen Damm zu errichten, wie früher mit Opa, nur dass wir statt Stöcken und Ästen schwere Steine und anstelle eines kleinen Bächleins einen hüfttiefen Bergbach
hatten! Auch am letzten Tag bewältigten wir unsere Strecke recht zügig, zumal wir noch am Abend weiter reisen wollten. In einem Dorf am Rande des Nationalparks wurden wir von einem Jeep aufgegriffen, der uns bis in die nächste Stadt brachte, dort trennten wir uns von Josef und Alex, die zurück nach Kolkatta fuhren und von Franziska, die wieder in den Süden
musste. Allerdings begleiteten wir noch Antonia und Fabian nach Punea in ihr Projekt.
Die Zeit dort verbrachten wir in erster Linie mit Ausruhen und Waschen, denn viel zu sehen gibt es dort nicht. Zwar ist Punea die Hauptstadt ihres States und hat anscheinend knapp eine Millionen Einwohner, sieht aber aus wie ein überdimensioniertes Dorf, keine hohen Gebäude und viele unbefestigte Straßen. Nach unserem Zwischenstopp dort ging es weiter in Richtung der
heiligen Stätten Indiens.
 
Bodhgaya
 
Zu erst erreichten wir Bodhgaya, der Ort an dem Buddha sein Bodha, sein Erwachen hatte. Groß ist die Stadt nicht, aber beinahe jede buddhistische Strömung hat hier einen Tempel, was den Ort zu einer Art riesigem Freilichtmuseum für buddhistische und fernöstliche Architektur macht. Der zentrale Buddha-Tempel, in dessen Gelände auch ein Abkömmling des Bodha-Baums steht, unter dem Buddha erwachte (den ursprüngliche Baum gibt es nicht mehr, der wurde von irgendeiner Person aus Rache mit Dornen erstickt), ist im vedischen Stil errichtet, also nordindisch und wurde vor einigen Jahren
vollständig restauriert. Sein hoher steinerner Bau ist an einigen Stellen vergoldet, denn Gläubige bringen häufig ein Stückchen Blattgold mit und pressen es an die Außenmauer des Tempels oder diverse Statuen oder Reliefs in der Anlage. Wir kamen in einem Kloster buthanesischer Buddhisten unter, was wirklich zu empfehlen ist. Der buthanesische und der tibetanische Tempel sahen sich in ihrer Architektur recht ähnlich, ein buntverzierter, an einigen Stellen mit Gold versehener, beinahe quadratischer Bau, mit hoher Decke. Was am tibetanischen Tempel jedoch in Erinnerung blieb, waren die fratzenhaften
Dämonen, die an die Außenwände gemalt waren. Der japanische Tempel war hell und schlicht aus Holz und Leinen, ganz alt
japanische Architektur, der chinesische Tempel wurde von typischen Tierfiguren flankiert und bildete eine Pagode. Der thailändische Tempel hatte die klassischen Giebeldächer und zahlreiche Drachenfiguren am Dachfirst. In jedem der Tempel herrschte eine ähnliche Atmosphäre, auch wenn ihre Ausstattung und Ausschmückung grundverschieden waren, gerade der Bodha-Tempel ließ eine undefinierbare Form von etwas Höherem verspüren. Beeindruckend ist auch die gewaltige Buddhastatue, über 30 Meter hoch steht sie am Rande der Stadt. Sie ist noch gar nicht so alt und wurde erst vor einigen Jahren vom Dalai Lama eingeweiht, der ja im indischen Exil lebt.
 
Varanasi
 
Die zweite heilige Stätte, die unweit von Bodhgaya liegt und die wir einige Tagespäter aufsuchten, war Varanasi. Varanasi liegt am Ganges und ist einer der wichtigsten Orte des Hinduismus, denn hier und nur hier können die Leichname gestorbener Hindus verbrannt und ihre Asche im Ganges verstreut werden. Rund um die Uhr werden hier jeden Tag an zwei Stellen an die 200 Tote eingeäschert. Varanasi ist sehr alt, der Legende nach soll Krishna vor 10.000 Jahren die Stadt gegründet haben und seit diesem Tag brennt in einem kleinen Krishna-Tempel nahe des Flussufers ein ewiges Feuer. Der Legende nach. Aber das die Stadt tatsächlich sehr alt ist, merkt man ihr an. Am Flussufer drängen sich Tempel, Paläste und Gaths, die teilweise auch schon im Fluss versinken. Die Fürsten und Rajas aus ganz Indien ließen über die Jahre immer wie der Häuser in Varanasi erbauen, damit sie oder ihre Familie hier sterben konnten. Auch ganze Städte und Gemeinden sponserten Gebäude zu eben jenem Zweck. Es gibt zwei Verbrennungsstellen am Ganges. An der kleineren kann sich jeder Verstorbene, unabhängig von seinem Glauben, verbrennen lassen, die größere ist nur für Hindus gedacht. Die Einäscherung wird von den Dalits, den Unberührbaren, den Kastenlosen betrieben. Zwar wurden die Kasten vor einigen Jahren gesetzlich abgeschafft, das Kasten-Denken ist aber immer noch fest in den Köpfen der Menschen verankert. Was nach dem Verbrennen an Gold und anderen Wertgegenständen in Form von Schmuck und Ähnlichem übrig bleibt, dürfen die Dalits behalten. Für den Prozess des Verbrennens gibt es genaue Regeln. Die Farbe des Leichentuchs zeigt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau, eine Witwe oder ein junges Mädchen handelt. Eine genau bestimmte Holzmenge wird zum Einäschern des Körpers verwendet. Zudem
werden nicht alle verbrannt. Tote Kinder, tote Schwangere oder bei der Geburt Verstorbene und Ermordete werden unverbrannt, mit einem schweren Stein in der Mitte des Flusses versenkt, denn sie werden nicht wieder geboren, sie verlassen den Kreislauf des Lebens. Zwar ist der Ganges recht dreckig und das Wasser ganz sicher giftig, dennoch ließen wir es uns nicht nehmen, unsere Füße in den Fluss zu tauchen und mit einem Boot früh morgens eine Flussfahrt zu machen und dabei das erwachende Varanasi zu beobachten. Die ersten Vögel, die Glocken an den Tempeln, und die Gesänge der Priester und Gläubigen sind eine einmalige Geräuschkulisse, die man erlebt haben muss. Zwei weitere, allerdings weniger religiöse Dinge, gibt von Varanasi noch zu erzählen. Der Blue Lassi Shop und die German Backery. Im ersteren gibt es, angeblich, den besten Lassi von ganz Indien. Ob er wirklich der Beste ist, kann ich nicht sagen, aber er war wirklich sehr gut. Für den, der es nicht weiß, Lassi ist eine Art Milchshake mit Fruchtjogurt, am besten kalt und mit Fruchtstücken. Und die Auswahl an Fruchtvariationen ist enorm. Im zweiteren, der „Deutschen Bäckerei“, gibt es europäische, vor allem deutsche Spezialitäten, allen voran Brot und Käse. Und das Brot und der Käse sind nicht schlecht. Für gewöhnlich gibt es in Indien diverse Sorten an ungesäuerten Broten, die beim Essen gereicht werden und Käse so gut wie gar nicht, geschweige denn Butter. Da war es echt klasse, nach acht Monaten Indien mal wieder „echtes“ Brot zuessen!
Nach Varanasi ging es für uns weiter in Richtung Westen, nach Agra und Neu-Delhi.
 
Agra und Neu-Delhi
 
Beide sind die bekanntesten Ziele in Indien und gelten bei Touristen als ein Muss, ich kann aber sagen, dass dem nicht so ist.
Agra ist vor allem für eines bekannt: das Taj Mahal. Das Grabmal gilt vielen als das schönste Gebäude der Welt und in der Tat ist es beeindruckend, grade zu Sonnenaufgang, wenn das Licht durch den transparenten Marmor fällt. An den beeindruckenden Verzierungen waren sogar europäische Experten beteiligt und das im Mittelalter! Das Taj Mahal ist ein beeindruckendes Beispiel für muslimische Kunst und Architektur und an sich auch einen Besuch wert. Nur leider ist alles
Drumherum, ganz Agra, einfach erdrückend. Neben horrenden Preisen erwarten einen vor allem sehr aufdringliche Einheimische. Zwar sind auch das Mini-Taj, eine Art kleine Version des Taj Mahal, sowie das Agra-Fort, eine vom Mogul errichtete Festung, ganz ansehnlich, aber wir waren froh, als wir uns Richtung Neu-Delhi aufmachten.
Leider war Neu-Delhi in dieser Hinsicht noch schlimmer, die Leute noch aufdringlicher und die Preise noch höher. Was Neu
-Delhi aber vor allem vom Rest Indiens unterscheidet ist die Tatsache, dass man dort das Gefühl hat, man betritt eine Parallelwelt. Die Straßen sind in einem super Zustand, es gibt kaum Verkehr, alles ist sauber und die gewaltigen Regierungsgebäude machen jedem Prunkklotz der westlichen Welt alle Ehre. Zwar haben wir in der Jugendherberge, in der wir unterkamen, ganz nette Leute kennen gelernt und der Versuch, die deutsche Botschaft zu finden, war ganz lustig, aber Neu-
Delhi ist nicht das Indien, in dem wir acht Monate lang gelebt hatten, es ist ein vorgespielter Schein, der über vieles hinwegtäuschen soll. So waren wir alle darauf bedacht, recht schnell weiter nach Westen zu kommen, nach Rajasthan!
 
Rajasthan
 
Ich weiß nicht wie viele Tage wir im Nordwesten Indiens verbracht haben, aber die Zeit dort hat mir am besten gefallen. Rajasthan ist kulturell noch einmal ganz anders. Da es lange Zeit zum persischen Mogulreich gehörte, ist es sehr muslimisch geprägt und die erste Stadt, die wir besuchten, war Jaipur, die pinke Stadt. Zwar ist Jaipur nicht wirklich Pink, aber die gesamte Altstadt ist rötlich angestrichen, was man vielleicht als Rosa interpretieren kann. Rosa gilt in Rajasthan als die Farbe der Gastfreundschaft, und als während der Kolonialzeit mal ein englischer Prinz die Stadt besuchte, wurde sie kurzerhand rosarot angemalt. Es gibt in Jaipur eine ganze Reihe von Palästen, am besten gefallen hat mir aber das Observatorium. Eine vom Mogul errichtete Sternwarte, ein großer Hof, ausgestattet mit unzähligen Beobachtungsvorrichtungen, um Sterne, Himmelskörper und die Sonne zu beobachten und ihre Bahnen zu verfolgen. Etwas außerhalb von Jaipur, auf die Stadt umgebende Hügel, liegen zwei Forts, die in einer gewaltigen Verteidigungskette integriert sind, die das Gebiet umschließt. Eines dieser Forts konnten wir besuchen. Und es war gewaltig. Ein Hof reihte sich an den nächsten, ein Gebäude schloss sich an das vorherige an. Je tiefer man in die Gemäuer vordrang, desto labyrinthartiger wurde es und desto niedriger wurden die Decken. Zum Glück gab es genügend Wegweiser, um den Weg durch den Palast und wieder nach draußen zu finden. In der
Nähe von Jaipur gibt es auch einen See und in dessen Mitte steht der Wasserpalast. Er ist unzugänglich, da er die meiste Zeit unter Wasser steht. Wer ihn mitten im See errichtet hat weiß ich nicht, aber meist ragen nur die obersten beiden der fünf Stockwerke aus dem Wasser.
Nach Jaipur folgte Jodhpur, die blaue Stadt. Und Jodhpur ist tatsächlich blau, hellblau. Die Farbe stand früher für die Mitglieder der höchsten Kaste, aber mit der Zeit wurden alle Häuser der Stadt in dieser Farbe gestrichen. Abgesehen von der Farbe und einem die Stadt überragenden Fort, gibt es in Jodhpur nicht viel zusehen, aber unserem zweiten Abend im Hostel bekamen wir ein Filmangebot! Im Fort sollte die Szene eines chinesischen Films gedreht werden und man brauchte noch westliche Statisten. Da es in Jodhpur nicht viel zu sehen gibt und wir sowieso noch genug Zeit hatten, sagten wir zu und verbrachten die nächsten zwei Tage am Filmset! Dabei lernten wir eine ganze Reihe von Indienreisenden aus aller Welt kennen, einige trafen wir auch später nochmal wieder. Worüber der Film genau geht, weiß ich nicht, nur dass ein Chinese eine indische Hochzeit stören sollte und diese Szene wurde gedreht, dafür mussten wir Hochzeitsgäste spielen und tatsächlich wurde eine gewaltige Hochzeit inszeniert. Mit Tanz und Musik und einem Elefanten! Obwohl die Tage am Set sehr heiß waren und wir trotz sieben Stunden Anwesenheit vielleicht zehn Minuten gefilmt wurden, war der Dreh eine tolle Sache. Bevor wir allerdings weiter reisten,
statteten wir noch einem berühmten Gewürzshop in Jodhpur einen Besuch ab. Von einem Rajasthani gegründet, führen heute seine Töchter in ganz Rajasthan diese Geschäfte. Man bekommt alle möglichen Gewürz-und Teemischungen und kann sich auf Wunsch auch noch Kochrezepte und Verwendungsmöglichkeiten per Mail zuschicken lassen! Danach ging es dann aber weiter nach Jaisalmer, der goldenen Stadt.
Jaisalmer ist zwar eher sandfarbend, aber in der Wüstensonnen leuchtet es auch schon mal golden. Sie liegt sehr weit im Westen Indiens, nur 50 Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt und hat neben ihren engen Gassen vor allem ein wunderschönes Fort, mit Palast und Tempel zu bieten. Nachdem es seit unserer Bergtour keinen Tropfen geregnet hatte, brach der Himmel über Jaisalmer auf. Mitten in der Wüste fing es an zu regnen, aber es war eine willkommene Abkühlung. Mit nach Jaisalmer hatte uns Megan begleitet, eine Britin, die wir am Set in Jodhpur kennen gelernt hatten. Der eigentliche Grund, warum wir aber hierhergekommen waren, war jedoch nicht die Stadt selber, sondern die Möglichkeit, von hier aus eine Wüstentour zu starten! Und das taten wir auch, auf Kamelen durch die Wüste und Übernachtung unter dem Sternenzelt. Allein das Reiten auf den Kamelen lohnte sich und das Zusammensitzen ums Feuer und gemeinsame Zubereiten des Essens. Die beiden Führer, die uns begleiteten, waren sehr freundlich, ich bekam sogar die Möglichkeit, mein Kamel alleine zu reiten, ohne das es an ein anderes angebunden war. Morgens ging es los, erst mit dem Jeep ein wenig raus, bis zu einem Dorf, dann auf die Kamele und in die Wüste. An das Schaukeln der Tiere gewöhnte man sich schnell und gegen Mittag machten wir
Rast an einem einsamen Baum. Dabei wurden wir von einer einsamen Herde Ziegen besucht, die die kleinen Sträucher abfraß, während wir unser Mittag essen zubereiteten und schliefen. Die Nachmittags-Etappe war kürzer, so dass wir recht früh das Nachtlager erreichten und lange zusammensitzen konnten. Das Essen war einfach, aber lecker und vor allem war es still, abgesehen vom gelegentlichen Schnauben der Kamele. Und dann wurde es Nacht. Und es war überwältigend: An keinem anderen Ort habe ich jemals einen solchen Sternenhimmel gesehen!
Am nächsten Morgen ging es mit den Kamelen zurück und noch bevor die Mittagssonne ihren höchsten Stand erreichte, fuhren wir mit dem Jeep von einem Dorf aus zurück nach Jaisalmer. Dort verabschiedeten wir uns von Megan und machten uns auf nach Udaipur. Udaipur, die weiße Stadt oder auch das Venedig von Indien genannt, liegt im Süden Rajasthans an einem See. Auf einer Insel mitten im See steht ein Palast und die Stadt ist bis an die Ufer der Stadt aus weißem Stein gebaut,
daher die Spitznamen. In Udaipur wurde übrigens James Bond (Octopussy) gedreht, worauf die Stadt sehr stolz ist und in vielen Hotels wird er regelmäßig gezeigt. Udaipur ist zwar größer als Jaisalmer, aber ruhiger. Viel Zeit verbrachten wir auf der Dachterrasse unserer Bleibe, mit Blick auf den See und die Stadt. Jeden Abend bot sich nämlich ein erstaunliches Schauspiel:
Wenn die Sonne untergegangen war und die Glocken der Tempel anfingen zu läuten, dann flogen hunderte, tausende Fledermäuser aus dem Palast der Stadt, der auf einer Anhöhe über dem See thront, und gingen auf Jagd! An einem Abend in Udaipur besuchten wir auch einen Kulturabend, bei dem neben klassischen Tänzen, Lieder und Puppenspiel aus Rajasthan auch eine ältere Frau auftrat, die mir besonders in Erinnerung geblieben war. Entstanden aus einem Zeitvertreib während des Wasserholens in der Wüste, tanzte die Frau mit einem Gefäß auf dem Kopf. Nach jeder Runde jedoch, wurde ihr ein weiteres Gefäß auf das vorherige gestellt, so dass sie am Ende zehn Gefäße, zu einem zwei Meter Turm gestapelt, auf ihrem Kopf balancierte und dabei tanzte!
Rajasthan wird mir von unserer Reise am besten im Gedächtnis bleiben und ich würde es gerne noch einmal besuchen.
Die letzten Tage verbrachten wir jedoch in Goa am Strand. Sightseeing und Abenteuer ließen wir für die restliche Zeit der Reise außen vor und faulenzten in der Sonne am Strand.
Eigentlich gibt es noch viel mehr zu berichten, aber das werde ich euch alles erzählen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Was ich jedoch auf dieser Reise im speziellen und in meinem Jahr in Indien im Allgemeinen erkannte habe ist, dass kulturelle Koexistenz, Inkulturation, kultureller Austausch und kulturelle Vielfalt in einem einzigen Land möglich sind! Man muss nur tolerant sein, und auch wenn sie das Kastenwesen noch nicht ganz abgelegt haben, in Sachen Religion und Kultur sind uns die Inder an diesem Punkt weit voraus!
 
Herzliche Grüße nach Deutschland, Anfang August bin ich zurück.
Jeremias

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