Peru: Isabel im Kinder-Bibel-Programm in Trujillo

"In Peru, in Peru, in den Anden" – so beginnt ein weit verbreitetes Kinderlied, aber was gibt es dort eigentlich? Zum Beispiel das Ferienprogramm mit dem Namen REBINI! Dies steht für REcreo BIblico para Niños, was übersetzt etwa so viel wie "biblische Auszeit für Kinder" bedeutet. Das Programm wurde durch die Missionare vom heiligsten Herzen Jesu in der nordperuanischen Stadt Trujillo ins Leben gerufen, von diesen geleitet und kann mittlerweile auf 17 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückschauen. Es findet jedes Jahr im Januar und Februar statt, wenn hier in Peru Sommerferien sind. Jede Woche bekommen so bis zu 64 Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren die Gelegenheit für eine Woche aus Trujillo heraus in das etwas höher gelegene Dorf Simbal zu fahren, wo ihnen in dem Haus "Climatica Katilandia" REBINI seine Pforten öffnet. Die Kinder kommen jede Woche aus einem anderen Teil Trujillos. Die Anmeldung wird über die Gemeinden der verschiedenen "Parroquias" organisiert, die vergleichbar mit Stadtteilkirchen sind. Diese stellen auch die sogenannten Monitoren, meist Jugendliche, die in der Woche die direkten Betreuer der Kinder sind und die Kinder den ganzen Tag und auch nachts begleiten. Die Kinder werden in verschiedene Gruppen eingeteilt, die nach Tieren benannt werden. So gibt es zum Beispiel die „Conejitas“ (= Kaninchen), „Ositas“ (=Bärchinnen) oder „Pecesitos“ (=Fischchen). Das Programm selbst wird mit der Unterstützung einer Gruppe jugendlicher peruanischer Freiwilliger gestaltet, die ihre eigenen Ferien dem Programm widmen. Ihre Aufgabenbereiche reichen von der Koordination und Animation über Küche bis hin zum Lager und der Vorbereitung der Bastelsachen und sorgen dafür, dass alles reibungslos von statten gehen kann. Und sollte dann doch mal ein Monitor fehlen, sind auch sie immer in der Lage einzuspringen. Ein ganz wichtiger Teil des Programms wird außerdem jede Woche von einer anderen Freiwilligen mit viel Kreativität verkörpert: Die Person Rebini. Extra vom Planeten Rebinilandia angereist ist sie nämlich diejenige, die zusammen mit der Handpuppe, dem knallorangenem Vogel Aspi, durch die verschiedenen Themen der Woche führt und die Regeln in "Ihrem" Haus erklärt. Jeden Tag gibt es zwei verschiedene biblische Geschichten, die vorgestellt und bearbeitet werden. Angefangen mit der Schöpfungsgeschichte, geht es zum Beispiel weiter mit der Arche Noah, wozu die Kinder Masken verschiedener Tiere basteln und abends symbolisch selbst in eine "Arche" aus Bänken einziehen dürfen. Aber natürlich kommt auch Freizeit und Austoben nicht zu kurz, so gibt es auf dem Gelände neben einem Fußball und Volleyballfeld noch diverse Spiel- und Klettergeräte. Das Highlight des Tages bildet immer das Schwimmbad, das sich auch auf dem Gelände befindet. Bei sommerlichen Temperaturen bietet dies zudem eine sehr gute Erfrischung. Es ist jede Woche immer wieder schön zu sehen wie die Kinder lachen und einfach Kind sind, auch wenn viele aus nicht ganz so einfachen Umfeldern kommen. Neben ihren selbstgebastelten Sachen nehmen die Kinder am Ende aber viel mehr mit wie neue Freunde und ein wenig mehr Selbstständigkeit. So ist jeden Morgen eine Gruppe für das Fegen der Gänge zuständig und nach dem Essen eine für den Essenssaal. Auch auf ein aufgeräumtes Zimmer wird Wert gelegt. Für viele ist es das erste Mal einen längeren Zeitraum von Zuhause weg zu sein und Familie hat in Peru noch einen sehr großen Stellenwert. Umso schöner ist es zu sehen, wenn dann am Ende das anfängliche Heimweh vergessen ist und der Abschied schon wieder schwerfällt.

Auch mir ist der Abschied von dem Programm Rebini sehr schwer gefallen. Ich habe eine Menge super toller Menschen kennengelernt und durfte sechs Wochen lang mit ihnen zusammen die Ferien der Kinder gestalten. Ich muss sagen, dass ich nach der ersten Woche auch ziemlich k.o war, da man 24 Stunden am Stück mit den Kindern zusammen ist. Man begleitet sie zur Toilette (auch nachts..), man muss zusehen, dass sie schlafen… 

Die Geschichten der Kinder haben mich manchmal echt umgehauen. Viele kamen aus kriminellen Familien, waren Kinder von Prostituierten oder einfach Kinder von Kindern. Ein neun-jähriges Mädchen erzählte mir, ihre Mutter sei 24 Jahre alt und lebt im Norden, um dort zu arbeiten. Ihr Vater ist gerade im Gefängnis, wie lange schon, weiß sie nicht mehr. Sie besucht ihn jeden Samstag und wohnt mit ihrer Tante zusammen. Für ihre neun Jahre wirkte sie unglaublich reif; ansonsten war sie aber ein total normales, fröhliches Mädchen. Ein Junge erzählte ganz trocken, sein Vater habe schon mal „wen umgebracht“. Es ist wirklich teilweise erschreckend, aus was für Umfeldern die Kinder kommen und gerade deshalb ist es besonders wichtig, dass ihnen die Möglichkeit gegeben wird, das alles einmal für eine Woche vergessen zu können.

Jede Woche waren andere Monitores von den unterschiedlichen Parroquias da. Auch mit diesen habe ich mich immer sehr gut verstanden und nett unterhalten. Besonders ein Junge (die Monitores waren teilweise noch sehr jung) hat mich sehr fasziniert. In Peru ist es nicht üblich, dass Jugendliche sich über Gott und die Welt unterhalten und herum philosophieren. Mit einem Monitor konnte ich mich über diese Dinge unterhalten. Während in Peru viele Menschen sehr, sehr gläubig und vor allem religiös sind, hat sich dieser Junge Fragen gestellt, die viele Peruaner gar nicht in Erwägung ziehen und nicht hinterfragen würden. Es war nicht so, dass er nicht an Gott geglaubt hat, aber er hatte so ein stark eigenes Denken bezüglich dieses Themas entwickelt, das viele Jugendliche in seinem Alter hier noch nicht haben. Als er krank wurde und sehr hohes Fieber bekam (in dieser einen Woche gab es seltsamerweise unglaublich viele Krankheitsfälle), bat er mich, ihm die Geschichte von Tabaluga und aus meinem Leben zu erzählen. Auch das war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich.

Als ich am letzten Abend nach dem Lagerfeuer verabschiedet wurde, hat mich jedes Kind einzeln umarmt. Und da mir bewusst wurde, dass dies das Ende einer unglaublich schönen Zeit war, blieb der Abschied nicht ganz tränenfrei. Ich glaube, das schönste an dieser Zeit war, dass man selbst wieder zum Kind geworden ist. Ich habe so viel gelacht und herumgealbert wie ich es sonst manchmal mit meinen Freundinnen in Deutschland tue, wenn wir völlig übermüdet sind. Ich habe mich dort sehr aufgenommen und willkommen gefühlt. Wir waren wirklich wie alle anderen ein Teil der Gruppe und das, obwohl wir die neuen, Deutschen sind. Während ich in Lima manchmal das Gefühl habe, die zu sein, der man eher eine Aufgabe gibt, damit sie etwas zu tun hat und sich so fühlt, als würde sie mithelfen, habe ich in Trujillo gemerkt, dass ich gebraucht werde. Außerdem habe ich eine Menge unfassbar toller Kinder kennengelernt, die trotz der schwierigen Umfelder, aus denen sie teilweise kommen, total glücklich sind, stets interessiert an der anderen Welt aus der wir kommen und uns sehr viel über Peru, ihr Leben und die spanische Sprache beibringen konnten. Das wichtigste und wertvollste jedoch, war die Liebe, die die Kinder einem entgegengebracht haben. Jeden Abend gab es Gute-Nacht-Küsse und man wurde morgens freundlich mit Umarmungen begrüßt. Ich werde diese Erfahrung niemals vergessen und bin dem Padre und Alexis, dem Leiter der Freiwilligengruppe sehr sehr dankbar dafür, uns diese Möglichkeit gegeben zu haben!

Wenn ihr noch irgendwas zu dem Programm wissen wollt, dann fragt mich gerne. Bis zum nächsten Rundbrief, Isabel

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