Indien: One year in Bangalore. Christopher berichtet

Nun bin ich seit ziemlich genau 6 Monaten in Indien, oder um es genauer zu sagen, im Sneha Care Home, Bangalore, Karnataka. Da die Blooming Stars gerade Kannada-Unterricht haben (Amtssprache des Staates Karnataka) nutze ich die Gelegenheit von hier zu berichten.

Gelandet bin ich zusammen mit Charlotte im August 2016 auf dem International Airport von Bangalore. Als wir den Flughafen verließen, um nach Sister Sagaya zu schauen, war das erste Geräusch, das ich wahr nahm, die Hupe eines Autos. Rückblickend betrachtet, ist dies schon ziemlich klischeehaft und heute kann ich darüber nur lächeln, aber an diesem Tag war es eine absolute Reizüberflutung. Als wir nun draußen standen, wurden wir ein bisschen panisch, da keiner genug Geld auf dem Handy hatte, um im zweifelfall einen Anruf zu tätigen und so hatten wir ziemlich großes Glück, dass eine Sister im hellbraunen Sari auf uns zu kam. Es war Sister Sagaya und eine so unglaubliche Erleichterung sie gefunden zu haben.

Als wir schließlich ins Taxi stiegen, hatte ich mir vorgenommen bis zur Ankunft alles zu beobachten und wahrzunehmen. Vor allem wollte ich sehen, ob der Verkehr so war, wie er in den meisten Reiseführer beschrieben wird. Leider scheiterte diese Vorhaben recht schnell, da ich nachdem wir das Flughafengelände verlassen hatten, einschlief und auch erst wieder im bei unserer Ankunft im Konvent aufwachte. In den ersten vier Tagen blieben wir erstmal im Konvent, um uns langsam an alles zu gewöhnen. Sister Agnes zeigt uns den Stadtteil Koramangala (in denen die Schwester leben) und auch ihre Kirche. In diese gehen wir auch heute noch so gut wie jeden Sonntag. Zu diesem Zeitpunkt habe ich es noch nicht allzu stark wahrgenommen, doch es handelt sich bei Koramangala um einen sehr wohlhabenden und betuchten Stadtbezirk und im Vergleich zu anderen Bezirken oder Städten, ist das Leben hier deutlich teurer. Dies bezieht sich auf die Kaufpreise von Häusern, wie auch auf den gesamten Lebensunterhalt: Lebensmittel, Pflegeprodukte, Friseur. Erst letztens ist mir aufgefallen, wie teuer es tatsächlich ist und wie stark die Diskrepanz zwischen Arm und Reich innerhalb der Stadteile ist. Besonders zwischen Bangalore als teuerste Stadt Indiens und dem Land von Karnataka.

In diesen vier Tagen habe ich wirklich viel mitbekommen. Nicht mal, dass wir so unglaublich viel gesehen haben, aber es waren einfach so viele neue Sachen für mich, dass es wirklich überwältigend war. Ich habe unglaublich viele „erste Male“ ich in diesen wenigen Tagen erlebt: mit der Hand essen, Straße überqueren, auf einem indischen Bett schlafen etc. Ich bin bis heute Sagaya und Agnes dankbar, dass sie am Anfang für uns da waren und uns nicht von der Hand gelassen haben, bis wir einigermaßen sicher waren und alleine zurechtkamen.

Nach vier Tagen ging es dann endlich los ins Sneha Care Home. Von den Schwestern aus ist es mit dem Bus ein ca. 30 minütige und mit dem Taxi eine ca. 20 minütige Fahrt. Meistens nehmen wir den Bus, weil es einfach deutlich mehr Spaß macht Bus zu fahren. Das Sneha Care Home liegt im Stadtteil „Carmelaram“ und ist damit schon recht weit entfernt von dem Stadtkern. Wenn man Bangalore mit Berlin vergleicht, würde Carmelaram ungefähr in der Mitte der B-Zone von Berlin liegen.

Am nächsten Tag wurden wir dann während der Assembly, die jeden Morgen von 8:40 bis ca. 8:50 Uhr stattfindet, vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt sah ich das erste Mal alle Kinder gleichzeitig und dachte mir, dass ich mir wahrscheinlich niemals alle Namen merken kann. Doch nach drei Monaten kannte ich sie tatsächlich alle. Ich muss gestehen, dass ich es am Anfang sehr schwer fand mit allem zu Recht zukommen. Abgesehen von dem offensichtlichsten, der Sprache, fielen mir auch einfach so viele Dinge schwer, die für mich aus heutiger Sicht banal sind. Die zwei größten Probleme waren das strikte indische Bildungssystem, sowie eine gewisse Distanz zu unseren Mentoren und dem restlichen Mitarbeitern. Es hat sich mit der Zeit immer mehr gelöst, sodass wir seit Anfang November sehr gut mit allen verstanden. Inzwischen kann ich es wirklich verstehen, dass sie am Anfang eher auf Distanz gehen, da dieser Campus so wie er ist nun seit 2008 existiert und viele schon seit 5-6 Jahren hier leben und plötzlich „fremde Freiwillige“ ankommen, die direkt involviert werden müssen. Es war auch nicht mit allen so, da ich mich z.B. mit Aneesh, dem Gärtner, von vorne rein sehr gut verstanden habe und er uns auch viel über den Campus erzählt und gezeigt hat.

Mit den indischen Bildungssystem habe ich mich mittlerweile abgefunden. Der Begriff Angefunden soll nicht negativ werten gemeint sein, auch wenn es vielleicht im ersten Moment so klingt. Meiner Meinung nach, habe ich nicht das Recht zu Urteilen welches der Systeme besser ist und ich meine es ist nicht so, dass das indische Bildungssystem keine Akademiker oder gebildete Menschen am Ende der Schullaufbahn entlässt. Im Schnitt wird im System mehr darauf Wert gelegt, dass die Schüler/innen Inhalte des Unterrichtes besser im Kopf behalten, indem sie  nahezu auswendig aufsagen können. Was ich allerdings weiterhin ein wenig Befremdlich finde, ist die täglich stattfindende Assembly. Bei dieser stehen alle Klassen in einer Reihe nach Größe Sortiert und nach Geschlechtern getrennt auf dem Schulhof und singen sowohl die Hymne als auch den national Song Indiens. Zusätzlich müssen sie jeden Tag den „Code of Honore“ leisten. Was ich persönlich befremdlich finde, ist der Patriotismus in Indien, zu dem auch offen gestanden wird. Jeden Tag wird die indische Nationalhymne gesungen und salutiert. Alle Kinder und Mitarbeiter stehen kerzengerade auf dem Schulhof. Meist bin ich zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich müde, weshalb es mir schwer fällt, die ganze Zeit gerade zu stehen und sich nicht zu bewegen. Aber es sind ja lediglich 10 Minuten am Tag und es ist auch kein gravierendes Problem…

In den Herbstferien bekamen wir für zwei Wochen frei und Charlotte und ich entschieden uns nach Goa zu reisen. Mittlerweile hatten wir schon unsere ersten Freundschaften in Indien geschlossen, mit einer Freundin sogar eine so gut, dass sie uns beide mit nach Goa begleitete. Zusätzlich lebte ich mich immer weiter auf dem Campus ein. Wir hatten nun die Blooming Stars im Unterricht übernommen und zusammen mit Lucy diese in den Fächern Mathe, Englisch und EVS (Environmental studies) unterrichtet. In der Woche vor unserem Urlaub standen nun die Examen an, die sowohl für Charlotte und mich sowie auch für Lucy recht spannend waren, da wir vorher nur wenig den akademischen Grad der Kinder einschätzen konnten und wir uns erhofften, dass die Examen eine gute Auskunft über diese Frage geben würden.

Nach unserem Urlaub lebten wir noch eine Woche auf dem Campus, ohne zu unterrichten. Die Woche nutze ich, um mit den wenig verbliebenen Kindern, die nicht ihre Familien in den Ferien besuchten, mehr Zeit zu verbringen. Die darauffolgende Woche war leider recht schwierig, da die meisten Kindern in der Ferien ausschließlich Kannada gesprochen hatten, weshalb ihnen das Englisch anfangs recht schwer fiel, zumal die Kinder auch wieder eine gewisse Zeit brauchten, bis sie sich wieder an die Regeln im Unterricht gewöhnt hatten.

Als der November nun begann, realisierten wir, dass wir nun den ganzen Monat auf dem Campus verbrachten, da nun jedes Wochenende bis Anfang Dezember Veranstaltungen stadtfanden, an diesen wir nur ungerne fehlen wollten. Was mir persönlich am Anfang unmöglich vorgekommen wäre, machte mich nun in gewisser Weise neugierig, da ich erfahren wollte wie es ist einfach einen ganzen Monat den Campus nicht zu verlassen und sich ganz den Kindern widmen. Zu diesem Zeitpunkt lief es auch mit den Mitarbeitern deutlich besser. Abgesehen von den Lehren, die von vornerein sehr herzlich zu uns waren, verschwand auch immer mehr das „Misstrauen“ gegenüber und wir wurden immer mehr in das Campusleben mit eingespannt. Als erste Veranstaltung stand der Besuch des Erz-Bischofs an, der unser Projekt das erste Mal seit der Gründung 2008 besucht hatte. Am Tag zuvor, durfte ich Auntie den ganzen Tag helfen, Tafeln zu bemalen, auf denen wir den Bischof willkommen hießen. Bis heute weiß ich nicht so recht, warum mir diese Ehre zu Teil wurde, da ich ganz ehrlich gesagt künstlerisch nicht allzu begabt bin. Nun ja man sah am Ende, welches von Auntie gemalt wurde und welches von mir war. Der Bischof kam samstagmorgens und hielt ein ca. 1,5 sündige Messe ab und musste leider schon wieder vor dem Mittagessen gehen, da er noch weitere Termine gehabt hatte. Anders als von mir erwarte war das Programm somit nach dem Mittagessen abgeschlossen und alle gingen wieder ihren eigentlichen Tätigkeiten nach. Der einzige Unterschied war, dass uns über das Wochenende eine andere Freiwillige aus dem Snehagramm (weiterführende Schule des Sneha Care Home) besucht hatte, und wir somit ausreichend Zeit hatten uns mit ihr auszutauschen. Am Sonntagabend verließ sie uns dann auch wieder und machte sich auf den Weg zu ihren Freunden in Bangalore.

Am nächsten Wochenende stand nun das wahrscheinlich größte Event des ganzen Jahres an: „Champion in me“. Es handelt sich hierbei um einen zweitägigen Wettkampf, der jedes Jahr von unserer Schule ausgetragen wird. Hierbei kommen ca. 600 weitere Schüler, die meist HIV positiv sind, aus den verschiedensten Teilen des Staates Karnataka angereist, um ihren eigenen Champion zu erwecken. Der Wettkampf besteht aus verschiedensten Disziplinen und wird grob in den Kunst-Tag (Samstag) und dem Sporttag (Sonntag) aufgeteilt. Weiterhin werden die Disziplinen in drei Altersgruppe aufgeteilt. Jede Disziplin wird einzeln gewertet, sodass die Preisverleihung am Ende das Tages immer recht lange gedauert hat, aber dafür auch genügend Kinder Medaillen bzw. Pokale erhalten und somit ihr inneres Talent erkennen können und stolz auf sich sein können

Auf die eine Veranstaltung folgte dann auch schon gleich der „Sneha Run“. Der 5 Kilometer lange Marathon findet jährlich im ersten Dezemberwochenende statt und ist ein reiner Wohltätigkeits-Marathon, bei diesem die Einnahmen ans Sneha Care Home sowie den Snehagramm zugutekommen. Dieses Jahr zählte der Marathon ca. 800 Teilnehmer (mit unseren Kindern), bei diesem nicht nur gerannt werden sollte, sondern auch je nach Kondition gegangen werden durfte. Schon um 6:30 morgens fiel der Startschuss und Charlotte und ich sind mit unseren Kindern in der ersten Reihe gestartet und ich habe es auch tatsächlich geschafft, die ganze Zeit mit den Kindern durch zu rennen und am Ende ein gar kein schlechtes Ergebnis zu erhalten. Wir erreichten die Ziellinie unter den 20 besten. Hier muss ich auch mal kurz anmerken, dass ich sehr stolz auf mich selber bin, da ich niemals gedacht hätte so lange durchzuhalten, denn wer mich kennt weiß, dass Sport nicht mein allzu großer Freund ist. Aber immerhin habe ich es geschafft zusammen mit Manoj, einem Jungen aus dem Sneha Care Home. Auch Charlotte war am Ende unglaublich stolz auf sich und kam zusammen mit einem Mädchen unter den 30 Besten an. Der Marathon endete dann gegen 8 Uhr morgens und danach begann langsam auch schon wieder der Sneha Care Home Alltag.

Als letzte Veranstaltung folgte die „Starry Night“, ein Abend, der sich voll und ganz um die Sponsoren und Helfer des Sneha Care Homes dreht. Der Abend fing gegen halb 7 an und endete offiziell um 10 Uhr abends. Tatsächlich waren die letzten Gäste erst gegen 11 Uhr weg und ich lag um halb 1 im Bett. Zu Beginn hielt Father Jaison eine kurze Rede und bedankte sich als Direktor der Schule bei allen Sponsoren und Helfern, die Sneha Care Home zu einem besseren Ort machen. Auf die Rede folgte eine ca. 90 minütige Bühnenshow von unseren Kindern. Sie zeigten die einstudierten Tänze von „Champion in me“, sangen einige Lieder bzw. Prayer-Songs und führten einen kurzes Theater auf. Nachdem die Show zu Ende war, gab es für alle ein umfangreiches Essen. Es war ein wirklich unglaublich schöner Abend. Mein persönliches Highlight war, das deshalb am nächsten Tag die Schule ausfiel und ich ausschlafen konnte.

Da wir uns nun mittlerweile voll und ganz in der Adventszeit befinden, möchte ich vielleicht kurz etwas zu Vorweihnachtszeit in Indien sagen. Trotz, dass Indien ein hinduistisches Land ist und nur knapp 10% der Bevölkerung sich zum christlichen Glauben bekennen, wird Weihnachten deutlich intensiver gefeiert und aufgrund der Adventszeit zusätzlich viel früher vorbereitet als im vergleich Diwali (hinduistisches Lichterfest und eins der höchsten Feste der Hindus). Im Allgemeinen wird alles sehr farbenfroh geschmückt. Was in meinen Augen vielleicht ein wenig kitschig wirkte, ist in Indien vollkommen normal und manchmal habe ich auch ein wenig das Gefühl, dass es ein wenig verpönt ist, wenn man an Dekorationsmaterialien spart. Deshalb findet man wirklich überall dekorierte Krippen, Tannenbäume etc.

Im Allgemeinen war die Vorweihnachtszeit sehr hektisch. Wir wurden auf unglaublich viele Weihnachtsfeiern eingeladen, politische Veranstaltungen oder es kamen Gruppen zu uns. Es blieb wirklich wenig Zeit einfach mal durchzuatmen und alles sacken zu lassen. Deshalb verging dieser Monat wie im Flug. Am 24. Dezember abends hatten wir eine kleine Weihnachtsfeier organisiert mit Film, Bibel und Bescherung. Am nächsten Tag, wurde dann mit den Kindern und den Staff mit gemeinsamen Spielen, Essen und Wichteln gefeiert.

Nach Neujahr fing dann die Schule auch recht schnell wieder an und noch schneller folgten die zweiten Exams. Leider hatten die Kinder nur anderthalb Wochen Schule davor und so waren sie kaum vorbereitet und die Klausuren fielen dementsprechend aus.

Kurz darauf stand schon das Zwischenseminar vor der Tür und meine ersten sechs Monate in Indien sind schon vorbei. Nun sitze ich und schreibe diesen Rundbrief. Ich hoffe, dass ich euch einen Einblick verschaffen konnte, was hier alles passiert ist.

Christopher Eusterholz

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