Indien: Ninas erste Woche in Bangalore

Das waren die ersten richtig spannenden Tage! Vorwort: „Der Inder an sich…“, jaja diese altbekannten Floskeln kennt jeder und sie sind heutzutage sowohl zu vermeiden als auch zu belächeln. Im 21. Jahrhundert versucht man rassistischen Äußerungen aus dem Weg zu gehen, als wäre es die alljährliche Steuererklärung, die man schon das ganze Jahr über verdrängt. Und auch wenn es anscheinend (zu den älteren Generationen und Mitglieder einer bestimmten Partei, die ich hier nicht beim Namen nennen werde), nicht so wichtig ist mit den rassistischen Bemerkungen hinterm Berg zu halten, werde ich persönlich versuchen die Finger davon zu lassen.

Ich möchte nochmals ganz ausdrücklich auf das Verb „versuchen“ aufmerksam machen, denn das wird es sein: ein Versuch. Ein Versuch Klischees, Vorurteile, Pauschalisierungen, Andeutungen, unpassende Bemerkungen, unüberlegte Formulierungen und vor allem Rassismus aus meinen Rundbriefen rauszuhalten. Aber auch ich weiß jetzt schon vor ab, dass dieser Versuch hoffentlich so gut wie möglich, jedoch auf keinen Fall komplett und zu 100% umgesetzt werden kann. Auch ich als junger Mensch des 21. Jahrhunderts kann mich von Klischees und Vorurteilen nicht ganz losreißen und nur objektive und sachliche Informationen in meine Berichte packen. Einerseits würde das meine Berichte natürlich um einiges langweiliger machen, denn wenn man nur objektive und sachliche Informationen haben will, kann man ja auch einfach den zum Thema passenden Wikipedia-Artikel lesen. Außerdem sind Klischees (vor allem bezogen auf Länder und verschiedene Nationalitäten) wie kleine Erwartungen die man hat und von denen man gerne hört, dass sie stimmen oder eben nicht. Und ich vermute, sowohl ich, als auch die Leute die diese Berichte lesen, werden darauf warten und Spaß daran haben von den verschiedensten Klischees bestätigt und/oder überrascht zu sein.

Somit wird mein Versuch den Rassismus zu vermeiden, wohl eher zu einer Warnung vor dem Rassismus. Ich werde vielleicht gewollt, vielleicht ungewollt, weniger schlimm oder doch gravierend von rassistischen Bemerkungen heimgesucht, die sich in die Berichte einschleichen. Mein Ziel wird es sein, zwar einerseits euch Leser zu informieren, etwas mitzuteilen aber ebenfalls meine subjektiven Eindrücke, Gefühle und Meinungen zu vermitteln. Keinesfalls werde ich jemals im Stande sein, den kompletten Kuchen zu beschreiben in all seinen Einzelheiten, Schönheiten, Schattenseiten, Vor- und Nachteilen und Informationen, denn ich werde in diesem einzigen Jahr nur ein Stück des Kuchens probieren können, und dieser riesige Kuchen heißt Indien.

Mit diesem Vorwort wollte ich klarstellen, dass man meine Berichte nie ganz und gar für bare Münze halten sollte, noch sollte man sie durch und durch ernst nehmen oder gar als Maxime für ganz Indien betrachten. Sie sind meine Sichtweise auf ein Land, eine Stadt, andere Menschen und verschiedenste Erfahrung und mit dieser für mich persönlich sehr wichtigen Klarstellung kannst du, lieber Leser, nun beruhigt den folgenden ersten Bericht meines FSJ in Bangalore lesen. Viel Spaß! Übrigens nehme ich sehr gerne Kritik, Lob, Verständnis und Unverständnis, oder einfach eine nette Rückmeldung entgegen.

Die erste Woche in Bangalore, Indien

Freitag, der 15. September 2017 / Samstag, der 16. September 2017

Auf dieses Datum, habe ich eine wirklich lange Zeit gewartet, denn es ist der Tag unserer Ausreise. Nach einem Dreivierteljahr Vorbereitung darf man ja auch etwas ungeduldig sein. Ich muss ebenfalls sagen, dass ich bis zu diesem Freitag immer noch nicht wirklich realisiert hatte, dass ich tatsächlich bald in Indien sein werde. Unser Flug ging um 21:15 vom Frankfurter Flughafen. Von dort sollten wir erst nach Delhi , also in die Hauptstadt Indiens, fliegen und dort dann den nächsten Flieger nach Bangalore (oder auf Hindi: Bengaluru) nehmen. Ich war den ganzen Tag sehr nervös, die panische Angst etwas Wichtiges vergessen zu haben und auch etwas Flugangst verfolgten mich. Wir sind jedoch sehr gut und angenehm in Delhi angekommen (Flugzeit Frankfurt – Delhi: ca. 8 Stunden), wo wir eigentlich viel Zeit gehabt hätten, wollte uns nicht ein Angestellter von Air India uns so schnell wie möglich abfangen, um uns in einen früheren Flug zu schicken, in dem noch Plätze frei waren. So kamen wir am Samstag in Bangalore (Flugzeit Delhi – Bangalore: ca. 3 Stunden) viel früher an als erwartet und vertrödelten dort am Flughafen die Zeit, bis unsere Mentorin uns abholen konnte. Nach ungefähr 5 Stunden Wartezeit trafen wir auf zwei Schwestern: Schwester Shyla und Schwester Sandra. Beide begrüßten uns herzlich und auch wir waren sehr froh, somit endgültig in Bangalore angekommen zu sein. Mit einem Taxi fuhren wir dann vom Flughafen zum Haus, in dem die Schwestern wohnen. Der Flughafen ist etwas weiter außerhalb und ohne den Stau wären wir vielleicht in einer halben Stunde oder einer Stunde am Ziel gewesen, doch schon diese war sehr aufregend für mich, denn in Indien wird etwas anders gefahren als in Deutschland. Zuerst gibt es anscheinend keine richtigen Verkehrsregeln, beziehungsweise konnte ich keine erkennen. Außerdem ist aufgrund des sehr dichten Verkehrs und einer sehr großen Anzahl von Verkehrsteilnehmern eine relativ große Wahrscheinlichkeit vorhanden, in Stau zu geraten, was bei uns auch geschah. Wir brauchten ca. 2 – 3 Stunden für die Fahrt vom Flughafen zum Haus. Ich würde den Verkehr als sehr chaotisch beschreiben, jedoch hat er auch eine eigene Logik und seinen eigenen Rhythmus den ich leider noch nicht ganz erkennen konnte. Die kleine Motorräder und Motorrikschas (hier in Indien nennt man sie kurz: auto; doch es klingt anders als unser deutsches Wort) drängeln sich durch die Lücken ohne große Mühe, aber mit einem Auto hat man keine Wahl als geduldig zu warten. Schon jetzt überwältigen mich die vielen Eindrücke, die ich durch die Autoscheibe aufsaugte, wie ein Schwamm das Spülwasser. Ständiges Hupen gehört zur Geräuschkulisse der Stadt und somit versuchen die einzelnen Fahrer sich anzukündigen, den Vordermann zu warnen, oder sich geräuschvoll nach vorne zu drängen. Die Hupe wird somit zum essenziellen Instrument im indischen Verkehr und ist unerlässlich. Nach dem ersten leckeren (und auch sehr scharfen) indischen Abendessen, bestehend aus Reis und frittierten Fisch, zeigte uns Schwester Shyla noch unser gemeinsames Zimmer und wir waren beide so müde, dass wir gleich einschliefen.

Sonntag, der 17. September 2017

An diesem Tag durften wir erstmal lange ausschlafen und bekamen ein sehr leckeres Frühstück mit Weißbrot, Erdnussbutter, Papaya-Jam und was natürlich nicht fehlen darf: indischer Schwarztee mit Milch und Zucker. Anders als in Deutschland wird der Tee nicht mit heißem Wasser aufgegossen und ist in Beuteln vorhanden. Hier wird die Milch zum Kochen gebracht und dann kommt der schwarze Tee in Pulverform in die heiße Milch und wird heiß serviert. Somit schmeckt er viel intensiver und ist ein guter Muntermacher. Um 11 Uhr ging es in die Sonntagsmesse. Wir gingen in eine sehr schön gestaltete Kirche mit großen bunten Glasfenstern, reichlich Blumenschmuck und eine große Band gab es auch. Es war eine englische Messe, die die Schwestern uns raussuchten, damit wir auch alles verstehen und dadurch, dass der Text mit einem Beamer an eine, für alle lesbare, Leinwand geworfen wurde, konnten wir einwandfrei mitbeten und singen. Mir persönlich hat die Messe sehr gut gefallen, wenn nicht tatsächlich besser als in Deutschland. Ich kann mir auch gut vorstellen, somit regelmäßig die Sonntagsmesse zu besuchen. Es ist sehr interessant, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Der Verlauf des Gottesdienstes war gleich und mir somit natürlich sehr bekannt doch machten es die kleinen Dinge, wie die sehr fröhlichen und powervollen Kirchenlieder die sehr schön von der Band begleitet wurden, für mich etwas schwungvoller. Ich habe nämlich manchmal das Gefühl, dass die deutschen Lieder etwas schwerer und trauriger sind, was meine ganz persönliche Meinung ist. Die Kirche ist sehr groß und sehr gefüllt. Es kommen viele Menschen zusammen, die den Gottesdienst zusammen feiern: Kinder, Alte, Eltern und auch Jugendliche. Somit sind natürlich alle Generationen vertreten und es gibt eine gute Mischung von allem. Heute benutzten wir zum ersten Mal eines der kleinen autos. Sofort merkt man warum sie so zahlreich herumfahren und jeder sie gerne benutzt: Sie können sehr schnell und einfach und vor allem für (relativ gesehen) wenig Geld benutzt werden und es ist auch eine sehr spannende Art die Umgebung zu erkunden, da man alles haargenau mitbekommt. Man winkt sich einfach eines am Straßenrand heran und kann nach einem kurzen Plausch mit dem Fahrer, wohin man den wolle, einsteigen. Ich glaube das wird mein Lieblingstransportmittel.

Montag, der 18. September 2017

Wie jeden Tag in Indien gibt es wieder ein leckeres Frühstück… aber halt! Anders als in Deutschland, wird uns heute erzählt, isst man nicht jeden Tag Brot (und somit eigentlich jeden Morgen mehr oder weniger dasselbe). Hier gibt es an jedem einzelnen Wochentag etwas anderes zum Frühstück gibt. Es wird also nie langweilig. Heute Morgen gab es pullao, das ist Reis mit Gewürzen und Gemüse und schmeckt äußerst gut. Am Nachmittag waren wir dann noch in einem Park und in der näheren Umgebung spazieren und es fühlt sich eindeutig anders an sich hier zu bewegen. Da es sehr voll und durch das andauernde Hupen auch recht laut ist, nimmt man viel mehr gleichzeitig auf und zwischendurch fühle ich mich schon von sehr vielen Reizen überflutet. Irgendwo wird gekocht, Straßenhunde streifen umher und suchen etwas zu essen, Kinder spielen, Autos hupen und es wird lauthals telefoniert und das alles meist gleichzeitig. Das macht auch eine alltägliche Tätigkeit, wie auf der Straße laufen, sehr aufregend und neu.

Dienstag, der 19. September 2017

Wieder einmal fange ich mit dem Frühstück an: Heute gab es idlis und chutney aus Kokusnuss. Idlis sind kleine, runde, relativ flache Küchlein aus gekochtem Reis und sind hier im Süden von Indien Grundnahrungsmittel und kommen jede Woche mindestens einmal (meistens zum Frühstück) auf den Tisch. Nach dem Frühstück sind wir mit der Motorrikschah zum Mutterhaus der Schwestern gefahren. Mit diesem Haus begann für die Schwestern alles hier in Indien. Es ist ein sehr großes Haus, in dem momentan zehn Schwestern wohnen, darunter auch eine deutsche Schwester die schon seit langer Zeit hier lebt und bereits 91 Jahre alt ist. Eine andere Schwester, die in den 70ern für 10 Jahre in Deutschland war, fing auch sofort an, mit uns Deutsch zu reden und wir wurden sehr freundlich mit tea und wirklich sehr süßen und sehr leckeren indischen Süßigkeiten begrüßt. Im Mutterhaus gibt es noch einen Kindergarten und mehrere Grundschulklassen. Insgesamt gibt es momentan ungefähr 180 Kinder dort im Mutterhaus zur Schule oder zum Kindergarten gehen, wobei eine Klasse meist aus ungefähr 50 Kindern besteht. Außerdem wird neben dem Mutterhaus gerade ein Altenheim gebaut, und es ist sehr schön zu sehen, wie viel die Schwestern hier in Indien den unterschiedlichen Generationen helfen können. Außerdem waren wir noch in der Innenstadt, dort wo die großen Einkaufsstraßen mit den IT-Firmen und Supermärkten sind und haben auch die kleinen Seitenstraßen, wo sich ein Verkaufsstand neben den anderen bewundern lässt. Die Verkäufer preisen ihre Waren an und an jeder Ecke gibt es frisches Obst und Gemüse zu kaufen und wenn man als Tourist oder zumindest Ausländer durch die Stadt schlendert, wird man von vielen Verkäufern dazu aufgefordert, die Ware anzuschauen und hoffentlich zu kaufen. Der ganze Trubel in der Stadt kann auf Dauer sehr anstrengend sein und die ganzen Eindrücke machen einen ganz schön platt und wir freuten uns auf dem Rückweg schon sehr aufs gemeinsame Lunch.

Mittwoch, der 20. September 2017

Wer immer noch nicht glauben kann, dass es hier jeden Tag etwas anderes zum Frühstück gibt, sollte spätestens jetzt nachgeben, denn heute gab es dosas, also dünne, tellergroße Pfannkuchen die man entweder süß mit Marmelade oder deftig mit einer Gemüsesoße essen kann. Auf dem heutigen Programm steht der Lal Bagh Botanical Gardens. Ein wunderschöner, riesiger Park in dem man jede Menge sehen kann. Es gibt einen Rosengarten, einen großen See, einen 200 Jahre alten Baum, und auch einige Tiere. Außer den Straßenhunden, die hier im Park eine leise und gemütliche Zuflucht gefunden haben, gibt es noch Affen, Pelikane, Tauben und einige wenige Rehe, die jedoch durch das sehr große Areal meistens nicht zu sehen sind. Der Straßenlärm wird immer leiser, je weiter man in den Park hineinläuft und der Park erscheint wie eine Oase der Ruhe und Entspanntheit im starken Kontrast zur lauten und ständig bewegenden Stadt. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen hier ein Nickerchen gönnen, auf jeder Bank ein Pärchen sitzt und die Ruhe genießt und Kinder spielen. Da ich ja jahrelang im Dorf gewohnt habe und nur ab und zu im Urlaub in einer wirklich großen Stadt unterwegs war, ist die IT-Hochburg von Indien mit ca. 8,5 Millionen Einwohnern wirklich sehr aufregend und unübersichtlich. Doch da es fast überall in Indien recht voll ist, ist es eines der Dinge mit denen ich noch zurechtkommen werden muss – und ich nehme gerne die Herausforderung an!

Fazit:

Das waren die ersten richtig spannenden Tage! Ich wollte meinen allerersten Bericht bewusst wie eine Art „Tagebuch“ gestalten, denn die ersten Eindrücke sind meist auch die intensivsten. Außerdem ist für mich hier alles noch recht neu und auch verwirrend. Oft weiß ich gar nicht recht, was ich gerade denken oder was ich fühlen soll, denn ich bin noch sehr damit beschäftigt, alles zu verarbeiten. Zwar hatte ich vor dem Jahr gedacht ich wäre doch ganz gut vorbereitet worden (was ich auch eindeutig wurde), jedoch kann man sich nie wirklich auf das richtige Leben und die Praxis vorbereiten – das musste ich hier in meinen ersten Tagen lernen und akzeptieren. In diesem Bericht ist natürlich noch keine richtige „Struktur“ zu erkennen, was ich jedoch ändern möchte. Je nachdem welches Thema mich am meisten interessiert, oder wo einfach schon reichlich Erfahrung und Wissen vorhanden wird, werde ich in verschiedenen Berichten behandeln, somit habe ich vor z.B. die Themen Hygiene, Essen, Natur, Klima, Gesellschaft usw. noch genauestens auszuführen. Momentan habe ich auch schon die ersten Tage im Sneha Care Home verbracht, was noch mal eine ganz andere Welt ist. Der nächste Bericht wird sich somit voll und ganz um mein Projekt drehen.

Bis bald! Nina Metzger

weitere Nachrichten:

16.11.2017 Gemeinsam in die Zukunft: HJK in der Franziskus-Stiftung
 – Informationen bei Mitarbeiterversammlungen.
Workshops „LAMBE LAMBE – Theaterkisten aus Lateinamerika“
Wir bauen LAMBE-LAMBE Theaterkistchen rund um das Thema Flucht und Migration,
20 Jahre SOLWODI Duisburg
 Am 10. Oktober 1997 wurde in Duisburg unsere erste Beratungsstelle in Nordrhein-Westfalen eröffnet. Sr. Leonie Beving MSC
Aussendung der MaZ'ler 2017
Hurra, sie sind soweit! Eine großartige Gruppe mutiger junger Menschen macht sich auf den Weg. Unsere MaZ'lerInnen wurden ausgesendet.
Schwestern im Gespräch
war als Missionarin in Peru